Sten Nadolny – Die Entdeckung der Langsamkeit

„Geh’n die Leute auf der Straße eigentlich absichtlich so langsam?“ (Tocotronic)

Ich vermelde einen souveränen Neueinstieg in meine Top10. Die Floskel, dass ein Buch heute (über dreißig Jahre nach Erscheinen) zeitgemäßer und wichtiger als je zuvor ist, gilt wohl für kein Werk so wie für Sten Nadolny und „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Der Protagonist lebt mit seinem ruhigen und besonnenen Wesen den Gegenentwurf zum heutigen Alltag, in dem die Tageszeitung bereits überholt ist, wenn sich der Postbote auf den Weg zum Leser macht und alle Welt über ständige Erreichbarkeit und Zeitdruck klagt. Nadolny versteht es, die Bedachtsamkeit, Ruhe und analytische Nachdenklichkeit von John Franklin in eine Sprache zu gießen, die sofort entschleunigt. Gleichzeitig umreißt er die Charaktere mit viel Präzision und Wortwitz. Wer dafür empfänglich ist, verspürt gerade in der zweiten Hälfte den Drang, jeden zweiten Satz zu markieren. Der Roman ist ein gelungenes Plädoyer für Toleranz, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung entsprechend der eigenen Natur. Und als wäre es nicht genug, bettet sich das Thema des Buches auch noch in eine große Seefahrer-, Abenteurer- und Entdeckergeschichte.

Nächstes Buch: Max Tegmark – Unser mathematisches Universum

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